>>> Dieses Bilderbuch entstand im Rahmen
meiner Diplomarbeit und wurde in der Zeitschrift Luna (Ausgabe 0206) veröffentlicht.

Text von Jürg Schubiger.

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Ein Stern schlug eines Nachts
in das Dach eines Hauses ein. ...
Er blieb auf dem Estrich liegen. Die Frau, die in dem Hause wohnte folgte dem Gepolter und fand den Stern und hob ihn in ihre Schürze.   Was ist los fragte der Mann? Ein Stern, sagte die Frau. Wenn wir schon keine Kinder bekommen, soll wenigstens er bei uns bleiben. Sie gab dem Stern zu trinken und zu essen und legte ihn in ein Bettchen und deckte ihn zu.
Der Stern war zufrieden, er leuchtete.
  Doch der Mann war nicht zufrieden. Was sollen wir mit dem Stern? Er hat keine Augen, also sieht er nichts.
Aber er leuchtet, sagte die Frau.
Er hat keine Füße, also kann er nicht gehen.
Aber er rollt, sagte die Frau.

  Sie hatte recht. Wenn er nicht schlief, trank oder aß, rollte der Stern in der Stube herum.   Ein Hund wäre mir lieber, sagte der Mann. Der hätte wenigstens Augen. Aber ein Hund leuchtet nicht,
sagte die Frau. Ein Hund hätte wenigstens Füße, vier sogar, zwei vorn und zwei hinten.
Aber ein hund rollt nicht.

Der Mann und die Frau stritten sich weiter Tag und Nacht.
Der Stern wuchs unterdessen.
Er brauchte bereits ein neues Bett.
Bald war er groß genug für die Schule. Was der Lehrer erklärte, begriff er sofort und vergaß es nie wieder. Doch er schwieg. So hielten ihn alle für dumm.
Ein Stern, der kein einziges Wort spricht, sagte der Mann.
Aber er singt, sagte die Frau.
Er singt falsch, sagte der Mann.
Aber wunderbar, sagte die Frau.
Der Stern war nun erwachsen. Er liebte ein schönes rundes Mädchen aus dem Nachbardorf.
An ihrer Seite rollte er eines Nachts davon und kam nie mehr zurück.
Kam er nie mehr oder kam er sehr lange nicht zurück?
Manche behaupten, er sei zurückgekehrt, nach Jahren, stumm und verlöscht und müde. Außer der Frau habe niemand ihn wieder er-
kannt. Andere sind überzeugt, er habe nur einmal noch eine An-
sichtskarte geschickt, auf der eine sternenhelle Nacht zu sehen war.